Aus Anlass des vergangenen Weltdrogentags. Sehr wahrscheinlich ist ein Phänomen unserer Zeit, dass wir alle mehr oder weniger süchtig geworden sind: Nach Nikotin, Alkohol, Koffein, Internet, Glücksspiele, Bindungen – Beispiele von Maßlosigkeit und Abhängigkeit lassen sich überall finden, sei es das grenzenlose Bedürfnis nach Neuigkeiten und Sensationen, der Drang nach Belustigung und Ablenkung oder die Sucht nach ewiger Jugend und aktiven Leben, etc … Gesellschaftlich gesehen, ist Sucht ist nicht gleich Sucht: Ein Schuhtick nützt der Schuhindustrie, ein Workaholic kommt dem Chef zu gute, der Schlankheitswahn der Pharmaindustrie und der Glaube an einem Gott der heiligen Kirche. Amen. Problematisch wird das ganze nur, wenn der „Angewiesene“ sich nicht mehr in die gesellschaftliche Ordnung eingliedern lassen kann, wenn es nach kapitalistischer Verwertungslogik keine Verwendung mehr für den Menschen geben kann und auch nur dann wenn das soziale Gefüge ins Wanken gerät. Dann wird nämlich Sucht zur sozialen Frage.
Nur für den Kick für den Augenblick? Drogen sind seit alters her als Naturheil- und Schmerzmittel bekannt. Erinnert sei an das bei den südamerikanischen Indianern gebräuchliche Kauen von Kokablättern. Es senkt Durst und Hungergefühle und steigert zugleich die Leistungskraft. Darüber hinaus hilft es bedrückende Lebensumstände hinzunehmen. Drogen fungieren zugleich als Genussmittel. Sie vermögen ein offenbar kulturell tradiertes Bedürfnis nach Transzendenz zu befrieden ( z.B. im Rahmen ritueller Handlungen). So gesehen, kann es keine rauschmittelfreie Gesellschaft geben. Sie muss als Utopie angesehen werden. In einer Gesellschaft, in der scheinbar die individuelle Gestaltung des Lebens immer Spielraum gewinnt, werden Enttäuschungen programmiert, werden nicht erfüllte Erwartungen dann als persönliches Versagen ausgelegt und wenn vermittelt wird, dass alles zu kaufen sei, ja, sogar das Glück, braucht man sich nicht zu wundern, dass in diesem sozialen Kontext in fast allen Wohlstandsländern des Westens ein immanentes Drogenproblem existiert. Sucht ist dann ein Problem, wenn sie zum Anzeichen für Frustration und Ohnmacht wird: Millionen gehen auf die Straße um gegen Kriege zu demonstrieren und die Demokratie zieht dennoch in den Krieg. Jeder hat stets weniger beizutragen, in diesem Zeitalter. Die Gesellschaft ist entwertet, monopolisiert, unter unseren Füßen weggezogen. Es sind vor allem die immer zahlreicher werdenden Kräfte, denen man ausgeliefert ist, für die man Verantwortung übernehmen muss und vor denen man flieht, weil man im Grunde doch keinen Einfluss hat. Wie geht es einem Jugendlichen, der keine Arbeit bekommen kann; wie einem Kind, das in der Schule nicht versetzt wird; wie einer Familie, die ihren Kindern nicht den Urlaub bieten kann; wie der Frau über fünfzig, die von ihrem Partner wegen einer jüngeren verlassen wird? Stereotype treten entgegen: „Du hast dich nicht genug um Arbeit bemüht“, „Du taugst nichts fürs Gymnasium“, „Frauen ab 50+ sind verbraucht, weil sie schneller altern“. Man steht permanent unter Druck der Realität, die immer mehr Leistung, Dynamik und Perfektion erwartet. Man flüchtet zu Drogen. Warum nehmen trotz aller Präventionen, die mit hohen Geldmitteln betrieben werden, die Süchtigen zu? Sind es also wirklich die Stoffe, die süchtig machen? Man kann in den Supermarkt gehen, drei Pullen Korn kaufen, sich die Dinger hinter die Binde kippen, um anderntags nicht mehr aufzuwachen. Alles legal. Man darf auf ganz legale Weise harte Drogen kaufen, um sich umzubringen. Warum werden denn dann nicht alle Drogen legalisiert? Mit dem Rücken zur Wand Soziale Ungleichheit kann Suchtverhalten induzieren, damit diese Ungleichheit nicht so stark erlebt werden muss. Erfahrungen von Diskriminierung und Ohnmacht können entweder zur politischen Emanzipation oder zu resignativen, tendenziell autoagressiven Bewältigungsversuchen führen, die die Gesellschaft so belassen, wie sie ist. In diesem Kontext besteht ein Interesse daran, dass man das augenscheinliche Problem, die Drogenseuche, am Leben erhält. Zum Ende des 19. Jahrhunderts urteilten Geistliche und andere aristokratische Elemente über die Zustände der arbeitenden Klassen durch ihre Trinkgewohnheiten, so würden die „unteren Stände“ nur deshalb so erbärmlich leben und vor sich hin vegetieren, weil sie dem „Suff“ verfallen wären. Würden sie sparsamer und enthaltsamer wirtschaften, dann reichte ihr Einkommen schon aus, um „ehrbar und rechtschaffen für sich selbst und für ihre Familien zu sorgen“ (manche sahen sogar Alkohol als das größte Hindernis für die Beseitigung des sozialen Elends an). Solche Meinungen werden noch heute aufgegriffen, wenn es um Konsum von Genussmitteln jeder Art geht: der Obdachlose verprasst das Geld doch sowieso für „Alk“ oder Zigaretten, der Langzeitarbeitslose ist ein Pegeltrinker, Unterschichtlicher werden viel schneller zu Junkies… Wenn man früher die Arbeiter ganz und gar für ihre Lebensumstände verantwortlich machte, so nur damit, um zugleich die Besitzenden von jeder Verantwortung zu entlasten[*]. Why do pigs suddenly appear? Zwar wird nach heutigem Betäubungsmittelrecht der Konsum von Drogen nicht mit Strafe bedroht, wohl aber sämtliche konsumvorbereitende Handlungen, nämlich Anbau, Einfuhr, Erwerb und Besitz. Was erwartet einen Abhängigen, der als solcher leben will? Wenn er es nicht verheimlicht, wird er schon von der Schule bzw. aus der Lehre geworfen, an ein Studium ist eh nicht zu denken. Er ist zur Beschaffung der Droge auf den Schwarzmarkt angewiesen, wo er mit mehreren Risiken konfrontiert wird: mit verunreinigtem Stoff, mit einem Wucherpreis, die Beschaffung zu einem Haupttätigkeitsfeld seines Lebens machen, und mit der Polizei, die ihn wiederholt aufgreifen, vor Gericht, in Zwangstherapie und ins Gefängnis bringen wird. Es sind diese Bedingungen, die die Sterblichkeitsrate bei Süchtigen so exorbitant steigen lassen. Lebenshilfen und Sicherung von Grundbedürfnissen (Ernährung, Hygiene usw.) sind an Abstinenzmotivationen und Therapiebereitschaft gekoppelt. Vorurteile und andere Stigmatas werden den Betroffenen an den Kopf geworfen und sie werden an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Was daraus folgt: Das Drogenelend wird gerade erst durch das Verbot erzeugt – und weit weniger durch die Droge selbst. Die Verfolgung nimmt vor nichts halt: Einsatz von Undercover-Agenten, Rasterfahndung, technische Observation ganzer Straßenzüge und Plätze, Abhören von Gesprächen und Telefonaten, Wohnungsdurchsuchungen… Die Verfolgung von organisiertem Handel und Schmuggel führte zum Anwachsen der Brutalität in diesen Kreisen. Die scharfe Kriminalisierung der Konsumenten und Abhängigen vollendete die Explosion von Beschaffungsdelikten. Das Drogenverbot wird von der Politik oftmals als Präzedenzfall aufgeführt, wenn es mal wieder darum geht, irgendwelche Bürgerrechte zu beschneiden und so Bevormundung und staatliche Kontrolle zu bewirken. So sehr diese Maßnahmen vordergründig auf die organisierte Drogenkriminalität abzielen, getroffen wird die Gesellschaft im Ganzen. Selbst wenn die Repressionsmaßnahmen jemals zum Erfolg führen sollten, am Ende wären sie ein Pyrrhussieg. Stellen Sie sich einen solchen Sieg folgendermaßen vor: Sie kommen nach Hause und müssen in ein Glas urinieren. Sie gehen zur Arbeit und ihr Blut wird untersucht. Drogen und Kapitalismus So undenkbar es auch ist, dass Verbote wirken, so utopisch ist es auch, dass es zu einer Liberalisierung der Drogenpolitik kommt. Auch der Drogenmarkt unterliegt kapitalistischen Profitzwängen. Rauschmittel, wären sie legal, sind an sich billig zu produzieren. Es ist unvorstellbar, dass Anbieter der verbotenen Drogen wegen der hohen Profitmöglichkeiten ein Interesse an legaler Konkurrenz haben. Nicht zuletzt ist zu erwarten, dass ein großer Teil des bisher mit repressiven Aufgaben betrauten Apparates alles daran setzten setzen wird, seine „Notwendigkeit“ zu beweisen, statt sich überflüssig zu machen. Wie schon erwähnt dienen die Repressionsapparate nicht nur dem Kampf gegen Drogen, sondern auch der Kontrolle der Gesellschaft. Welche Oligarchie würde sich freiwillig entmachten lassen? Die Bekämpfung des Drogenproblems ist mittlerweile zum eigenständigen Markt geworden. Auf der einen Seite stehen die fast schon monopolisierten Drogenproduzenten und auf der anderen Seite kapitalistische Unternehmen, wie z.B. Rüstungsfirmen, die vom Kampf gegen Drogenanbau im Trikont profitieren. 50 Prozent der legal produzierten Pharmadrogen verschwinden in der Dritten Welt auf dem illegalen Markt. Man kann davon ausgehen, dass das in der Planung der Produktion auch vorgesehen ist. Der Drogenhandel- und Anbau ist ein wichtiger wirtschaftlicher Faktor in einigen Ländern geworden. Für ein Recht auf Rausch Illegalisierte Drogen, wie Cannabis, Kokain, Opiate sind ihrer Substanz nach den legalisierten Drogen Koffein, Alkohol, Nikotin unmittelbar vergleichbar. Die alte Vorstellung, dass Heroin z.B. gefährlicher sei, ist einfach nicht richtig: die Verfügbarkeit der Droge für den Abhängigen und damit die Vermeidung der Entzugsschmerzen vorausgesetzt, führt der Konsum von Heroin von sich aus weder zu Leber- noch zu sonstigen Organschäden oder zu einem frühen Tod. Es ist vielfach beschrieben worden, dass die Morphinisten „alten Typs“, die abhängigen Ärzte meist wesentlich höhere Dosierungen ihres Opiats spritzten als die heutigen Fixer und dass sie dennoch weder Verwahrlosungs- noch Krankheitserscheinungen zeigten. Die Liste hoch geachteter Chirurgen, Rechtsanwälte und Parlamentarier, von denen man bis zu ihrem Tode nicht wusste, dass sie ihr gesamtes leben täglich Dosen irgendwelcher Drogen nahmen ist lang (der allseits geehrte Siegmund Freud z.B.). Eine Liberalisierung der Drogenpolitik würde einhergehen mit einer Drogenkultur, die zu einem verantwortungsbewussten Umgang erzieht. Unabhängig von staatlicher Kriminalisierung hätte man am Ende dann eine Gesellschaft, in der auf Nikotin und Heroin verzichtet wird, Alkohol und Kokain sparsam eingesetzt und ein Joint wie unser Kaffee zum Genuss eingesetzt wird. Jeder Mensch ist Souverän seines eigenen Körpers und Bewusstseins! Man kann eine Brücke überqueren, ohne dass man sich hinab in die Tiefe stürzt. Hier unterscheiden wir zwischen richtigem Umgang und Missbrauch. Sollte man wegen ein paar Menschen alle Brücken zerstören? – Oder alle Gabeln, weil man diese auch als Waffe nutzen könnte? Sucht ist auch meistens Ausdruck tiefer menschlicher Enttäuschung. Die eigentliche Wirkung der Abhängigkeit ist die Betäubung und das Überspielen von Hoffnungslosigkeit, Verlassenheit, Wertlosigkeits- und Schuldgefühlen. Drogen sind ein Gegenstück zur verhassten Realität. Drogensucht im Grunde nichts weiter als eine stumme Sehnsucht, nach einer Gesellschaft frei assoziierter Menschen, in der jeder gleich gestellt ist. Eine Freigabe von Drogen bedarf einer anderen, revolutionären Gesellschaft! [*] Entscheidend zum Alkoholismus der Arbeiterklasse trug die zu Beginn der Industrialisierung einsetzende Bezahlung des Fabrikherrens durch Waren aus Eigenproduktion, wie z.B. Branntwein bei. Als zur Mitte des 19. Jahrhunderts bemerkt wurde, dass man durch Alkohol körperliche Erschöpfungszustände für eine gewisse Zeit überwinden konnte, also auch länger arbeiten konnte, wurden in einigen Betrieben sogar „Freischnäpse“ ausgegeben. Nach Engels stellt der Branntwein für die Arbeiter den einzigen „Stimulus von außen her“. Unter dem Einfluss von Schnaps konnten sie so wenigstens für ein paar Stunden die tägliche Not vergessen, aus der es sonst kein Entrinnen gibt. Erst mit zunehmender Komplexität der Arbeit ergab der Alkoholismus ein Problem für die herrschenden Kreise. |